Angeschlossen an Wunder?

(psychology today Mai/Juni 98)

Von Jim Robbins

aus dem Amerikanischen von Uwe Gerlach und Rainer Wiegand

Epilepsie. ADD. Depression. PMS. Schlaflosigkeit. Was haben all diese Symptome gemeinsam? Sie werden behandelt mit einer neuen Form von High-Tech Biofeedback. Öffnen Sie nun Ihren radikalen Wissenschafts-Horizont. Hier ein Bericht über aufregende Möglichkeiten unserer Gehirnwellen.

Johannes Geburt war eine mühsame Sache. Drei Monate vor der Zeit wog er nur gerade ein Pfund und sein frühes Kommen verursachte ihm eine schweres neurologisches Handicap. Als er vier Jahre alt war, kam er eines Abends ins elterliche Schlafzimmer, jaulend und unfähig zu sprechen. Sie beobachteten ihn, masslos erschrocken, wie eine Seite seines Körpers in eine Schüttellähmung überging und er bewusstlos wurde. Johannes Anfälle passierten oft nachts, und seine Eltern hatten immer kleines Reisegepäck parat um schnell zum Notfalltransport ins Krankenhaus bereit zu sein, wo er Valium-Injektionen erhielt. Er hatte oft kleine Anfälle tagsüber. Seine Diagnose war auch zerebrale Lähmung, die seine feine und gröbere Bewegungsmotorik verringerte. Seine Lernunfähigkeiten schlossen attention deficit disorder und Hyperaktivität ein. Er hatte Sprachprobleme und knirschte dauernd mit den Zähnen. Sein Schlaf war gestört und er wachte 10 bis 11 mal nachts auf.

Wie viele Kinder mit Epilepsie bekam Johannes zwei starke anfallhemmende Mittel: Depakote und Tegretol. Beide machten ihn depressiv und beide haben schwere Nebenwirkungen. Folglich war der Junge oft apathisch und müde. "Wir spürten, dass der Junge seine Persönlichkeit verlor", sagte seine Mutter. "Er war nicht 'da'".

Ich kannte Johannes seit seiner Geburt; die unglaubliche Geschichte seiner Geburt machte ihn zu so etwas wie einer Berühmtheit in unserer Stadt Helena, Montana. Vor zwei Jahren war ich in Santa Fe, ich probierte verschiedene Technologien aus um Spitzenleistungen des Gehirns zu trainieren; während ich dort war, hörte ich von einer neuen Technik zur Behandlung von Epilepsie - eine natürliche Methode genannt elektroenzephalographisches (EEG) Feedback oder Neurofeedack, das oft das Bedürfnis nach Drogen verminderte oder ganz wegnahm. Ich war skeptisch, aber ich erwähnte es gegenüber Johannes Mutter auf einer Weihnachtsfeier. Sie fuhren dreihundert Meilen nach Jackson, Wyoming. Während einer Woche absolvierte Johannes jeden Tag eine zwei Stunden dauernde Sitzung mit einem computerisierten Biofeedback-Programm.

Innerhalb nur weniger Tage verbesserte sich Johannes Zustand erheblich. "Sein Zähneknirschen und seine Schlafprobleme verschwanden", sagte seine Mutter. "Wir konnten uns zum ersten Mal überhaupt mit ihm unterhalten. Er wollte schneiden, zeichnen, nähen und stopfen. Er konnte das vorher nie." Ungefragt bemerkten Freunde und Verwandte, dass er zentrierter wirke. Später wiederholte Johannes das Trainingsprotokoll eine weitere Woche. Die Ergebnisse waren ähnlich. Johannes Kinderneurologe, Don Wight - der vorher extrem skeptisch war - untersuchte den Jungen. Danach schloss er, er habe eine neue und aufregende Methode gefunden sein praktisches Instrumentarium zu bereichern: "Es fand eine qualitative und quantitative Verbesserung in der Art statt, wie der Junge funktionierte," sagte Don Wight. "Es war sehr real."

Johannes Eltern kauften eine dieser Maschinen und spendeten sie dem örtlichen Krankenhaus, wo Wight sie in seiner Praxis benutzt. "Für die meisten Patienten ist es eine gute Methode, einen Typ Medikament einzunehmen um die Anfälle zu kontrollieren," sagt er. "Ich möchte Neurofeedback bei Leuten verwenden, die zwei Typen einnehmen oder hohe Dosen oder deren Anfälle nicht kontrollierbar sind." Und was ist mit Johannes? Obwohl er vielleicht das Neurofeedback-Training sein Leben lang fortsetzen muss, wird die Qualität dieses Lebens sehr wahrscheinlich dauerhaft verändert bleiben.

Neurofeedback ist eine neue Art computerisiertes Biofeedback, das mit dramatischen Effekten begonnen hat seinen Weg ins medizinische Versorgungssytem zu gehen. Es ist sehr anders verglichen mit dem herkömmlichen Biofeedback, das in den sechziger Jahren entwickelt wurde, vorrangig für die Entspannung von Stress, zur Verringerung von Inkontinenz und Schmerz. Für eine weitere Reihe von Symptomen - Epilepsie, ADD, innere Kopfverletzungen - existieren Studien und viele anekdotische Erzählungen, die bezeugen daß Neurofeedback effektiv ist. Andere Forschungen lassen vermuten, das es bei chronischem Drogenmissbrauch hilft und nachtraumatischen Stressstörungen. Für weitere Symptomatiken, wie das Tourette Syndrom, Schlafstörungen, Depression und Autismus gibt es individuelle Fallstudien, jedoch noch wenige Kontrollstudien wurden durchgeführt. "Das Phänomen ist robust", insistiert Dr. Siegfried Othmer, Physiker und Gründer von EEG Spectrum, eine von einer Handvoll Firmen in den Staaten, die Biofeedback-Ausrüstung verkaufen. Othmer und seine Frau Sue traten in dieses Fach 1987 ein, als eine Behandlung wundersame Veränderung in ihrem Sohn bewirkte, der wie Johannes an lebensbedrohlichen epileptischen Anfällen litt.

Nachdem ich Johannes Transformation aus der Nähe gesehen und mit anderen, die auch Neurofeedback anwandten, gesprochen hatte, war meine Neugier angestachelt. Was könnte es einem einigermassen gesunden, 42 Jahre alten Erwachsenen mit dem üblichen Sortiment an midlife-Problemen bringen: gelegentliche Erschöpfung, eine leichte, milde Depression, ab und zu Schlafprobleme? Als ich die Arbeit an diesem Artikel begann, unterzog ich mich auch einigen Trainings-sessions. Die Ergebnisse waren überraschend. Aber zuerst, schauen wir einmal, was Neurofeedback eigentlich ist - eine mögliche Methode für das, was Medikamente und Therapie oft nicht können; und schauen wir in das Fenster, das es öffnet für das größte Mysterium überhaupt, das menschliche Gehirn.

Musik im Gehirn

Neurofeedback spielt heute einesteils eine Art Heldenrolle, andererseits ist es wie ein Waise. Trotz schon überzeugender Forschungsergebnisse, die seine Wirksamkeit belegen, hat es nur am Rande zu tun mit den heißen Themen in der Neurowissenschaft: den Neurotransmittern. Sehr viel weniger schick und "im Trend" als Prozac oder Paxil, scheint Neurofeedback zu wirken, indem es Frequenzen beeinflußt. Frequenz ist die Maßeinheit für die Bewegung der elektrischen Ladungen durch die Gehirnzellen. Das menschliche Gehirn wird vermessen in vier elementaren Frequenzbereichen. In Delta, dem Schlafzustand, bewegen sich die Signale sehr langsam durch Agglomerate von Neuronen, gerade bis 4-mal pro Sekunde oder Hertz. Darüber ist Theta, von 4 bis 8 Hertz, ein tief entspannter Zustand. Dann kommt Alpha, ein weniger entspannter Zustand, von 8 bis 13 Hertz. Die schnellsten Gehirnwellen findet man in Beta, sie repräsentieren normales Wachsein. Es gibt jedoch verschiedene Bereiche in Beta, von niedrigem Beta, in dem man von 12 bis 15 Hertz entspannt aber wach ist, zu mittlerem Beta, etwa 15 bis 19 Hertz, bis hoch zu einem erregten Hyperzustand von hohem Beta bei 35 Hertz.

Obwohl die Frequenzmessungen mit dem EEG relativ grob sind, scheinen sie ein Fenster in die Erregungszustände des Gehirns zu öffnen. Forscher glauben, daß die Probleme auftauchen, wenn die operierende Geschwindigkeit jemandes Gehirn entweder zu niedrig ist (Unterrregbarkeit) oder zu hoch (Überrregbarkeit). Othmer sagt es so: "einige Menschen können das Gaspedal nicht finden, während andere den Fuß davon nicht wegbekommen." Es gibt die seriöse Spekulation, daß die Erregungszustände eine Hauptkomponente in einer ganzen Reihe von Störungen darstellen - und seine dominante Stellung kann der Schlüssel sein zur manchmal wundersamen Effektivität des Neurofeedback. Das generelle Ziel? Das Gehirn zu stabilisieren, es robuster zu machen, damit es nicht so leicht in Unter- oder Übererregung abkippt.

Die Art, das menschliche Bewußtsein durch das Prisma des Neurofeedback zu sehen, reicht zurück zu einer Erregungstheorie, die in den fünfziger Jahren populär war. Dieses Modell schneidet das Spektrum der psychologischen, diagnostischen Kategorien durch in nur zwei physiologische Parameter: Stabilität und Erregung. Gemäß dieser Theorie liegt die optimale Geschwindigkeit des menschlichen Gehirns bei 14 Hertz. Wenn die Haupt-Aktivität niedriger liegt - 8 bis 13 Hertz -, dann kann sich ein Mensch müde fühlen und er/sie sucht Anregung durch Kaffee oder anregendes Verhalten. Er/sie mag depressiv sein, unter ADD leiden und eine leichte dissoziative Störung zeigen. Übererregbarkeit, auf der anderen Seite, bedeutet, daß ein Mensch Schwierigkeiten hat abzuschalten und gern einige Gläser Wein am Ende des Tages trinkt um das Erregungsniveau zu modulieren. Oder er/sie benötigt Valium. Angstattacken, Überwachsamkeit, Streß und obsessives Verhalten sind Symptome der Übererregung.

Angeschlossen ans Glücklichsein

Neurofeedback Sitzungen machen überraschend Spaß und sind einfach: sie sind wie Computerspiele, bei denen jeder Zug durch das Bewußtsein gesteuert wird. Die Technik jedoch, die im Neurofeedback verwendet wird, ist ziemlich komplex und die Preise bewegen sich von 3.000 bis 9.000 Dollar. Die Gehirnwellen müssen kartographiert und analysiert werden, um ihre Abweichung von der Norm festzustellen. Wenn z. B. zuviel Theta diagnostiziert wird - was oft bei Gehirntrauma und in Depressionen vorkommt - und nicht genug Beta da ist, dann wird der Therapeut die Versuchsparameter in Richtung etwas gesünderes "brainmap" einstellen. Eine Sitzung mag daraus bestehen, ein spezielles Computerspiel zu spielen - in dem ein greinender pacman feindliche Figuren auffrißt oder ein Ballon versucht dem Himmel entgegenzufliegen - des Patienten Gehirnwellen werden währenddessen permanent überwacht. Jedes Mal wenn die Gehirnwellen ihren Weg in den optimalen Zustand finden, vorgegeben durch des Therapeuten Parameterwahl, dann wird der Patient belohnt durch ein positives Feedback: pacman frißt seinen Feind oder ein schöner Ton erklingt. Irgendwo zwischen fünf und fünfzig Sitzungen scheint das Gehirn seinen optimalen Zustand von selbst zu finden.

Einer der genialen Aspekte des Neurofeedback ist, daß es perfekt an jeden individuellen Anwender angepaßt werden kann. Das Training wird so gestaltet, daß es fordernd und spannend ist, aber nicht zu schwierig, sodaß die Patienten langsam und stetig in ihre optimalen Gehirnzustände hineingleiten können.

Die mutigen Anfänge des Neurofeedback

In den sechzigern war Neurofeedback ein revolutionärer Weg, in das Bewußtsein und seine Fähigkeiten hineinzusehen, und es fiel zusammen mit anderen, mehr zweifelhaften Neuigkeiten. Neurofeedback wurde reklamiert von Leuten, die an Bewußtseinserweiterung interessiert waren, meist in Form von LSD und Meditation, und seine Assoziation mit östlicher Mystik und Parapsychologie brachte ihm in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit einen zwielichtigen Ruf ein. Als ich jedoch der frühen Forschung nachging, war ich erstaunt über einige bemerkenswerte Studien. Einer der frühen Pioniere des Neurofeedback war Dr. Barry Sterman, Professor für Neurobiologie und biologischer Verhaltens-Psychiatrie an der UCLA Schule für Medizin. Er experimentierte mit einer Art Beta genannt "sensory motor rhythm" (SMR), von 12 bis 15 Hertz Beta, und es gelang ihm die Epilepsie zu behandeln.

Stermans Originalarbeit fand statt an Katzen. Er pflanzte ihnen Elektroden ein und benutzte EEG Ausrüstung für eine Studie, die von nationalen Gesundheits-Instituten gefördert wurde. Er fand, daß Katzen trainiert werden konnten ihre Gehirnwellen zu kontrollieren. Wenn er diese trainierten Katzen giftigen Dämpfen, die normalerweise epileptische Anfälle hervorrufen, aussetzte, so hatten sie viel weniger Anfälle als untrainierte Katzen. Das Experiment wurde wiederholt mit Affen. In beiden Versuchsreihen zeigte sich, daß das Training physiologische Veränderungen in den Gehirnneuronen hervorrief.

Sterman ging einen Schritt weiter und machte die Versuche an Menschen mit schwerer Epilepsie. Er erzielte eine 60 prozentige Reduktion der Anfälle bei 60 Prozent seiner Patienten. Zahlreiche weitere Experimente an mehr als ein Dutzend anderer Institutionen zeigten inzwischen noch höhere Erfolgsraten, und die Behandlung der Epilepsie ist das am meisten etablierte Protokoll im Neurofeedback. Sterman, der heute Forschungsdirektor bei EEG Spectrum ist, theoretisiert, daß das Training möglicherweise benachbarte gesunde Neuronen aktiviert die Aufgaben der beschädigten zu übernehmen. Wir sind noch weit entfernt davon zu verstehen, warum Neurofeedback das leistet was es tut, aber Sterman hält dafür, daß, "wenn das neurale Substrat intakt ist, es trainiert werden kann."

Einer von Stermans Forscherkollegen, Dr. Joel Lubar an der Universität von Tennessee in Knoxville, führte die Arbeit weiter und in eine neue Richtung. Er beobachtete, daß die Hyperaktivität bei Patienten abnahm, die wegen Epilepsie trainiert wurden, und er entwarf aufgrund dieser Beobachtung das Protokoll, das derzeit für die Behandlung von ADD verwendet wird.

Angeschlossen in den Schulen

Ein Ort, in dem die Behandlung von ADD ausgetestet wird, ist das Enrico Fermi Zentrum für Bildende Künste in New York. Vor drei Jahren wurde die Zentrumsassistentin Linda Vergara damit konfrontiert ihren Sohn von einer privaten Schule zu nehmen, weil er unter Hyperaktivität litt. Innerhalb nur weniger Sitzungen, sagte sie, begann er sich zu verändern; und zwar gründlich. "Er begann während des Abendessens sitzenzubleiben", erzählt sie, "und er bendete seine Hausaufgaben".

Ihre Erfahrung brachte sie dazu, eine EEG Neurofeedback Maschine in eine zentrale Schule zu bringen mit etwa eintausend minderjährigen Schülern. Drei Jahre und "fünfzig Kinder später" lief das Programm. "Es hat das Leben vieler Leute hier verändert," sagt Frau Vergara. Das Programm wird gerade ausgedehnt auf zwei weitere Schulen in Yonkers und vielleicht, so Mitglieder der Schulleitung, auf alle 22 Schulen im Distrikt. Bis dato hat Neurofeedback 20 Schülern teure Spezialerziehungs-Programme erspart und dadurch dem Distrikt schätzungsweise 500.000 Dollar eingespart. Als ich neulich die Schule besuchte, waren Eltern, Lehrer und Schüler begeistert von dieser Alternative zu Ritalin. "Wenn es hier funktioniert," sagt die Psychologin Mary Jo Sabo, die Frau Vergara half die Technik nach Enrico Fermi zu bringen, "dann funktioniert es überall."

Und hier weitere faszinierende Neuigkeiten: bei der Behandlung von ADD sehen Therapeuten und Eltern andere positive Veränderungen im Verhalten. Sterman sah, daß sich ADD verringert bei der Behandlung auf Epilepsie, und er stellte Verbesserung des Schlafes fest. Rachel Campanella, eine "vierter Grad" Lehrerin bei Enrico Fermi, erzählte mir eine Geschichte eines Jungen in ihrer Klasse mit Namen Nelson. "Seine Eltern sorgten sich um ihn. Er kam in die Klasse und legte seinen Kopf aufs Pult," sagt Frau Campanella. "Er hatte kein Selbstbewußtsein, zeigte keine soziale Interaktion. Wenn ich mit ihm sprach, nickte er mit dem Kopf. Monatelang wußte ich nicht, ob er Zähne hatte, weil er nie lachte. Er war wie ein Baby in dem Körper eines großen Jungen."

Nelson begann das EEG-Training im März 97. "Im Juni," sagt Frau Campanella, "hob er seine Hand zum erstenmal überhaupt. Er begann zu sprechen, zu lachen. Er sprach in ganzen Sätzen. Jetzt kommt er vorbei und grinst und sagt, `Hallo Frau Campanella`." Obwohl diese Fallbeispiele, wie das von Nelson, keinen Beweis für die Effektivität dieser oder einer anderen Behandlungsmethode abgeben, machen sie jedoch starken Eindruck.

Ein anderes Gebiet, auf dem Neurofeedback erfolgreich ist, ist bei der Behandlung von inneren Kopfverletzungen. Deren Symptome reichen von plötzlichen Stimmungsänderungen zu Irritierbarkeit bis Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, Verwirrung, Kopfschmerzen, Übelkeit, Bewußtseinstrübung. Es gibt keine Medikamente, um innere Kopfverletzungen zu behandeln; eine Erholung passiert üblicherweise von selbst innerhalb von zwei Jahren. Der Psychologe Dr. Steven Stockdale, Direktor des Neurologischen Gesundheitszentrums in Colorado Springs, ist einer von vielen Therapeuten, die Neurofeedback für leichte innere Kopfverletzungen benutzen. Er setzte eine Dreijahres-Studie mit 60 Patienten an, bei der nach zwei Jahren die Patienten noch unter Symptomen leiden. Er fand, daß "ungefähr 80 % der Patienten das Feedback lernen, bei ihnen reduzieren sich die Symptome um 75 %. Sie werden einfach klarer."

Die Technik hilft auch bei nachtraumatischen Streßstörungen. Der Psychiater Daniel Kuhn, M. D., aus New York City, behandelt Veteranen des Israeli-Krieges 1973. Auch wenn bei PTSD die Standard-Psychotherapie erfolgreich ist, bleiben kognitive Probleme. "Man kriegt die Patienten da nicht raus. Nichts funktioniert so gut wie Neurofeedback, damit sie klarer werden", sagt Kuhn.

Ich füttere meinen Kopf

Ich selbst begann meine eigene Reise beim Neurofeedback mit dem Betatraining. Ich war neugierig zu wissen wie die Technologie funktioniert, speziell nachdem ich vom Clean Windshield Effekt erfuhr. Bernadette Pedersen, eine EEG-Technikerin des lokalen Krankenhauses, half mir die ersten Male mich anzuschließen. Obwohl die Ausrüstung - zwei Computer, ein Differentialverstärker der Neurosignale und einige EEG-Elektroden - relativ einfach zu bedienen ist, braucht man Training und für therapeutische Zwecke ist ein trainierter Arzt oder Psychologe vonnöten. Während etwa einer halben Stunde beobachte ich ein Spiel: weiße Linien laufen in der Mitte einer Autobahn und ein Ton ist zu hören, wenn ich die richtigen Gehirnwellen produziere. Etwa eine Stunde danach war mir, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die Welt sah klar und kristallin aus, seine Farben waren reicher. Mein Denken war schärfer und ich spürte eine ruhige Form von Energie. Es hielt ein paar Stunden an.

Nach fünf oder sechs Sitzungen verlor sich dieser "Gott malt die Welt an"-Effekt, aber ich bemerkte andere Veränderungen. Ich fühlte mich ruhiger und zentrierter, und sicherer in sozialen Situationen. Speziell wichtig war mir, daß meine Morgenstunden weit produktiver wurden. Ich trinke gewöhnlich meinen Kaffee und lasse mich in den Vormittag hineintreiben. Neulich stand ich auf und war bereit fortzugehen. Nach der fünfzehnten Sitzung war die Veränderung unmißverständlich. Während dieser Zeilen dauerte es einen Monat.

Ich war auch daran interessiert, eine andere Art des Trainings zu versuchen, bekannt als das Alpha-Theta-Protokoll. Die Technik ist sehr verschieden von der in Beta. Es findet in den niedrigeren Registern der Gehirnfrequenzen statt. Die erste EEG-produzierte Studie der Wirksamkeit des Alpha-Theta-Protokolls bei Drogenmißbrauch wurde 1982 von Eugene Peniston begonnen, einem Forscher am Sam Rayburn Memorial Veterans' Center in Bonham, Texas. Er behandelte zehn schwere Alkoholiker nur mit traditioneller Beratung und zehn weitere mit dem zusätzlichen Element des Alpha-Theta-Training an einem Neurofeedback Instrument. Peniston nahm an, daß Alkoholiker trinken, weil sie nicht auf natürliche Art in Alpha-Zustände gehen und daher von sich aus keine selbst-beruhigenden Neurotransmitter produzieren können. Peniston reklamiert eine nie dagewesene Erfolgsrate von 80 % bei der Gruppe die Neurofeedback benutzte - verglichen mit den schwachen 20 bis 30 % traditioneller Therapien. Wegen seiner kleinen Zahl von Versuchspersonen sind jedoch weitere Studien notwendig um seinen Anspruch zu stützen. Es gab seitdem weitere beeindruckende kleine Studien, aber nochmal, die Heilungsrate scheint unwahrscheinlich hoch. Wir werden die Bedeutung dieser Therapie nicht einschätzen können bis Ergebnisse größerer Stichproben vorliegen. Alfonso Bermea, M. A., aus dem Life Sciences Institut in Shawnee, Kansas, benutzt die Technik auch und sagt, "bei der üblichen Therapie zwingen sich die Leute in positive Richtung, sie sagen 'verdammt, ich sollte nicht trinken'. Mit Neurofeedback haben sie nicht länger das Bedürfnis zu trinken. Sie kämpfen nicht mehr gegen das Verlangen an".

Alpha-Theta Training hatte einen angenehmen, jedoch nicht revolutionären Effekt bei mir selbst. Ich legte mich auf eine Liege in meinem Büro und Bernadette schloß mich an. Ich schloß die Augen und begann mich zu entspannen. Ich benutzte die EEG Spectrum Maschine, ein Bächlein begann zu murmeln als ich Alpha produzierte. Als ich tiefer sank, hörte ich eine Serie von Alpha-Glöckchen. Sobald Theta ins Spiel kam, hörte ich einen rauschenden Ozean und die tiefen hallenden "bongs" einer tibetanischen Klangschale. Diese Töne halfen mir, etwa eine halbe Stunde an der Schwelle des Schlafes zu bleiben. Es ist ein interessanter Platz, diese Zwielicht-Zone zwischen Schlaf und Wachsein. Während dieser Zeit produzierte mein Geist eine Serie interessanter, traumgleicher Bilder, aber keines davon empfand ich in meinen wenigen Sitzungen als bedeutsam.

Die Zukunft gestalten

Neurofeedback scheint bei der Behandlung einer Reihe von Problemen hilfreich zu sein, wie Epilepsie, ADD, innere Kopfverletzungen und Suchtphänomenen. Ihre Anwendungen werden untersucht, aber alle müssen noch kontrollierten Studien unterworfen werden. EEG Spectrum hat mehr als zweitausend Leute klinisch behandelt in den vergangenen zehn Jahren - einige mit Problemen wie Tourette Syndrom, PMS, Depression, Zähneknirschen, Migräne, Schlaflosigkeit , Anfälle, Menopause und chronische Schmerzen.

Die Journalistin Margaret Sachs unterzog sich einem Neurofeedback Training wegen ihrer Probleme mit der Menopause, nachdem sie die dramatischen Fortschritte ihrer Tochter mit ADD gesehen hatte. "Ich wachte mitten in der Nacht total naßgeschwitzt auf", sagt sie. "Und dann wälzte ich mich drei bis vier Stunden ohne einschlafen zu können, als wenn ich unter der Wirkung von "speed" stände. Ein angeborenes Herzklopfen kam hoch und verursachte einen schnellen und unregelmäßigen Herzschlag. Dramatische Stimmungswechsel begleiteten das ganze und ihre Periode wurde unregelmäßig.

Nach zwanzig Sitzungen, so stellt sie fest, ließ jedes einzelne Symptom nach. "Ich fühlte mich geerdet in einer Art wie ich es vorher nie kannte", sagt die 47 Jahre alte Frau. "Wenn ich in eine Situation geriet, die mich früher aus der Kontrolle geworfen hätte, blieb ich jetzt nicht nur ruhig, sondern ich dachte sofort an alles was jetzt wichtig war, anstatt erst später daran zu denken. Ich fühlte mich so unter Kontrolle, es war ein sehr schönes Gefühl." Einige Monate später zog ihre Familie um und die Situation war für eine Weile sehr stressig. Das gute Gefühl verließ sie. Sie brauchte einige Auffrischungs-Sitzungen um das Gefühl zurückzuholen.

Wen nimmt es wunder, es gibt auch kritische Stimmen. Joel Lubar bezweifelt, daß Neurofeedback benutzt werden kann, um Probleme wie PMS oder Migräne behandeln zu können. "Das ist spekulativ", sagt er. "Es braucht Studien für diese Anwendungen." Viele Therapeuten sorgen sich, daß zuviel lockerer Optimismus den Ruf des EEG-Feedback ebenso beschädigen wird wie ungerechtfertigte Ansprüche dies in den sechzigern mit dem Biofeedback taten.

Viel Kritik kommt aus der Arena des ADD. "Es gibt einen enormen Placebo-Effekt in solchen Situationen," sagt Russel Barkley, Direktor der Psychologie und Professor für Psychiatrie sowie Neurologie an der Universität von Massachusetts. Er ist der Autor eines Buches über die Behandlung von ADD mit dem Titel: "Trotzige Kinder: der Umgang mit schwierigen Kindern".

Er hat das Neurofeedback nicht studiert, aber er hat einige Studien begutachtet, und er betont, daß "high tech in medizinischer Umgebung einen hohen Placebo-Effekt hat; und einige Kinder verbessern ihren Zustand mit der Reifung."

Andererseits "haben wir keine Studien die sagen, es sei schlecht für Dich. Ich glaube nicht, daß es sich ungünstig auswirken kann. Grundsätzlich ist es "des Käufers Risiko". Ansprüche, daß Neurofeedback die Gehirn-Physiologie ändern könne, so Dr. Barkley, "seien vollkommen unbegründet und unethisch".

Tatsächlich, alles was wir derzeit über Neurofeedback sagen können, ist, daß es uns Zugang verschafft zu unseren inneren Prozessen und es uns manchmal auf Wegen, die wir nicht vollständig verstehen, erlaubt sie zu regulieren.

Die Ansprüche, die manche Therapeuten dem Neurofeedback geltend machen, alarmieren manche Forscher, aber Susan und Siegfried Othmer sind reuelos. Vor fünfzehn Jahren war ihr Sohn Brian einer der ersten, der wegen schwerer Epilepsie und Verhaltensstörungen behandelt wurde. Sie sahen dramatische positive Veränderungen in seiner Persönlichkeit und was seine physiologischen Probleme betraf, und so sagt Susan, "wir wußten sofort, daß wir uns damit beschäftigen mußten. Wir fanden heraus, daß es nicht wissenschaftlich ist enthusiastisch zu sein. Es tut uns leid, wir sind Eltern. Wir müssen dafür eine Lösung finden."

Die Othmers haben heute etwa 300 Mitglieder, die ein gemeinsames Wissen repräsentieren, die ihre Informationen auf Konferenzen und übers Internet teilen. Es gibt noch einige weitere Firmen, die die Ausrüstung herstellen, darunter American Biotec in Ossining, New York.

Die Neuigkeiten zum EEG breiten sich aus. Othmer schätzt, daß aus der Handvoll Therapeuten vor zehn Jahren weltweit fünfzehnhundert geworden sind. Vielleicht aus gutem Grunde. Barry Sterman glaubt es gebe keine Zweifel, daß physiologische Veränderungen stattfinden und er macht geltend, daß es einige sorgfältige Studien als Nachweis dafür gibt. Gemäß Joel Lubar "verbessert Neurofeedback den Blutdurchfluß durchs Gehirn. Blutdurchfluß, Metabolismus und elektrische Aktivität hängen eng miteinander zusammen." Vermehrter Blutdurchfluß ist dabei behilflich, daß das Gehirn sich selbst in den normalen Bereich hineinreguliert. Und Don Wight, Johannes Kinderneurologe, sagt, daß die Effektivität des Neurofeedback kein Placebo-Effekt ist. "Sie würden es bestätigen", sagt er. "Wenn die Kinder von der Medikation loskommen und davon wegbleiben und funktionieren können, dann würden Sie es bestätigen. Es ist real."

Wenn Neurofeedback so gut arbeitet, warum ist es so gut wie unbekannt? Ein Grund mag sein, daß Neurofeedback in kein vorherrschendes medizinisches Modell paßt. Praktisch alle Forschung übers Gehirn ist in der Sprache von Neurotransmittern und psychotropen Drogen und nicht in der von Frequenz oder mentale Übungen. Die Wissenschaft mag es, wenn die Medizin in die vorgegeben Schablonen paßt.

Othmer tadelt "das Allheilmittel Paranoia". Etwas das so gut arbeitet kann doch wohl nicht wahr sein. Es gibt natürlich ein paar Einschränkungen: es ist teuer, es ist zeitraubend und es muß von trainiertem Personal durchgeführt werden.

Darüberhinaus stellt sich ein Problem mit dem therapeutischen Potential des Neurofeedback, das so etwas wie ein philosophisches Rätsel ist: wenn das Gehirn darauf trainiert werden kann, sich mit Depression physiologisch abzugeben, schließt der Patient dabei die wichtigen Prozesse der Erkennung, des Verstehens kurz und auch das sich Auseinandersetzen mit einem tiefen psychologischen Problem? Und - um eine ganz neue Frage zu stellen - spielt das eine Rolle?

Für viele Leute die es probiert haben, sind Debatten über Neurofeedback zweifelhaft. Wie Johannes Mutter es ausdrückt: "Es ist einfach eine Art Wunder für uns."

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